Ein Nachmittag mit "Fèro"

 

Alchimist der Wälder

Im Rahmen der Löwenzahnwochen durften wir im Zum Hirschen Ferruccio Valentini begrüßen – vielen bekannt als „Fèro“. Kräutersammler, Autodidakt und Autor des Buches Alchimista dei boschi.

Ein Nachmittag, der weniger einer klassischen Buchvorstellung glich als vielmehr einem gelebten Erzählen.

„Wenn du gut und lange leben willst, iss viel Löwenzahn.“
So beginnt Feros Erinnerung an seine Urgroßmutter – und an den Moment, in dem der Löwenzahn Teil seines Lebens wurde.

Fero wuchs in den Brenta-Dolomiten auf, verbrachte seine ersten Lebensjahre als Hirte, Senner, Imker und Sammler. Über Jahrzehnte hinweg wurden Wald und Wiesen zu seinem Lebensraum – und zu seinem Lehrmeister. Ein Wissen, das nicht aus Büchern entstand, sondern aus Erfahrung, Beobachtung und Nähe.

Neben seiner Arbeit mit Wildpflanzen ist Fero auch für eine bedeutende paläontologische Entdeckung bekannt: ein Fundort aus dem Perm mit über 60 fossilen Pflanzenarten, von denen 13 zuvor der Wissenschaft unbekannt waren und rund 280 Millionen Jahre alt sind. Eine davon trägt heute seinen Namen: Ferovalentinia.

Sein Zuhause – mit eigenen Händen gebaut, aus einfachen Materialien – erinnert an das Labor eines Alchimisten: Gläser, Flaschen, Werkzeuge der Verarbeitung. Für den „òm dal bósch“, den Mann des Waldes, ist die Natur alles zugleich: Schule, Vorratskammer und Apotheke.

Der Südtiroler Naturkenner Michael Wachtler beschreibt diesen Weg mit einem einfachen, klaren Gedanken:
„Gebt der Wildnis das Wilde zurück.“

Ein Satz, der auch den Nachmittag im Zum Hirschen begleitet hat.

Fero erzählte von einer Natur, die sich verändert. Vom Klima, das sich verschiebt. Von Pflanzen, die wandern – vom wilden Spargel bis zur Lärche, die sich zunehmend in höhere Lagen zurückzieht. Eine leise Veränderung, die nur sichtbar wird, wenn man über lange Zeit hinschaut.

Im Zentrum stand immer wieder der Löwenzahn.
Nicht nur als Frühlingspflanze, sondern als Begleiter durch das ganze Jahr.

Wurzeln, Blätter und Blüten lassen sich auf unterschiedliche Weise weiterverarbeiten: in Salamoia, in Agrodolce, geröstet als Kaffee oder fermentiert. Formen der Konservierung, die nicht nur Haltbarkeit schaffen, sondern eine Verbindung zur Pflanze über die Jahreszeiten hinweg.

Daneben öffneten sich weitere Perspektiven: die Meisterwurz (Imperatoria), aus deren Wurzel sich ein überraschend klares Eis herstellen lässt. Oder das Wissen rund um Wildpflanzen – und die Figur des Kräutersammlers, die zunehmend Gegenstand von Untersuchungen und Reglementierungen geworden ist, die – laut seiner Erzählung – nicht weitergeführt wurden.

Und dann war da noch das Tun.

Mit wenigen Handgriffen bereitete Fero aus Kiel Lauch – bekannt als „Aglio delle streghe“ oder „Aglio della regina“ – ein einfaches Pesto zu, das mit den Anwesenden geteilt wurde. Kein Rezept im klassischen Sinn, sondern ein Moment des Teilens.

Vielleicht liegt genau darin die Essenz seines Zugangs:
die Natur nicht zu erklären, sondern sie wieder erfahrbar zu machen.

Ein Blick auf Wald und Wiesen, der uns daran erinnert, dass das Wesentliche oft dort liegt, wo wir es nicht mehr suchen.