Interview mit dem Architekten Lorenzo Aureli

 

Architekt Lorenzo Aureli über die Renaissance eines historischen Hauses

Authentizität im Wandel: Die Freilegung des Alten im Neuen
Der Umbau des historischen Hotels Gasthof Zum Hirschen stand unter der Devise „Authentizität im Wandel“. Doch das ist leichter gesagt als getan. Um den Charakter einer mittelalterlichen Pilgerherberge zu bewahren, bedarf es zunächst eines gründlichen Verständnisses seiner Geschichte und Struktur. Wir befragen hierzu den Architekten Lorenzo Aureli, der das jahrhundertealte Pilgerhospiz in ein schlicht elegantes Haus verwandelt hat:

Bei der Neugestaltung des Zum Hirschen wurde offenbar nichts dem Zufall überlassen. Wie sind Sie als Architekt vorgegangen? Was hat Sie inspiriert?
Lorenzo Aureli: Nachdem ich das Gebäude mehrmals besichtigt hatte, präsentierte ich vor geraumer Zeit einen ersten Entwurf. Trotz aller Änderungen diente dieser erste Entwurf bis zuletzt als Grundlage für den tatsächlichen Umbau. Ich hatte von Anfang an die Intuition, dass uns die Gestalt und Geschichte der mittelalterlichen Pilgerherberge bei der Neugestaltung konzeptuell leiten könne. Mit ein paar substanziellen Änderungen, etwa der Positionierung der Haupttreppe an ihrer ursprünglichen Position, konnten wir dem Gebäude seine historische Identität zurückgeben und es gleichzeitig rundum erneuern. So herrscht im Hotel Gasthof Zum Hirschen heute eine Atmosphäre, die an damals anklingt, obwohl das Haus höchsten zeitgemäßen Komfort bietet.
Komplexer waren die Eingriffe, die wir in dem neuen Trakt aus den 1980er Jahren vornehmen mussten. Ziel war es, diesem Teil des Gebäudes einen neuen Charakter zu verleihen, mithin eine Fassade, die es harmonisch mit dem historischen Teil verbindet.

Wie war es möglich, das Gebäude unter Einhaltung der modernen Effizienzstandards authentisch zu erhalten?
Lorenzo Aureli:
Die erste grundlegende Entscheidung war, neben dem Hotel ein neues Funktionsgebäude zu errichten, als notwendige Intervention, um dort den Technikraum und das Depot unterzubringen: der unterirdische Teil wurde in Stahlbeton und der darüber liegende Teil in Holz gehalten, darin finden sich nun Anlagen wie das Wärmekraftwerk und der Stromgenerator. Das Funktionsgebäude wurde als erstes fertiggestellt. Somit erlaubte es uns, den Umbau des alten Trakts völlig frei zu gestalten.
Für alles Übrige verwendeten wir die alten Vorrichtungen des Gebäudes, benutzten alte Kamine und Durchgänge, die auch dank 3D-Laserscanner-Vermessung aufgezeichnet wurden. Die Isolierung erfolgte auf zwei verschiedene Arten, dabei wurde der neue Teil mit einem Außenmantel isoliert, wobei das sogenannte Passivhausmaß verwendet wurde. Um dennoch die Identität des alten Pilgerhospizes, insbesondere die ursprüngliche Fassade zu bewahren, mussten wir uns auf die innere Isolierung konzentrieren, indem wir eine Wärmedämmschicht an der Außenseite verwendeten, um potentielle Wärmebrücken zu vermeiden.

„Essentiell, ästhetisch und harmonisch“
Jedes Wohngebäude – und erst recht ein Hotel – muss den Menschen, die sich darin aufhalten, den nötigen Komfort bieten und behaglich sein. Das Äußere der Struktur muss sich wiederum respektvoll der äußeren Umgebung anpassen, ohne dabei ästhetisch zu verblassen. Als ich vor dem Hotel Zum Hirschen stand, wurde mir bewusst, dass es vor allem auch darum geht, das neue harmonisch mit dem alten zu verbinden; es muss reduziert, aber auch raffiniert sein.

Herr Aureli, wie entsteht die subtile Balance zwischen „minimalistisch“ und „raffiniert“?
Lorenzo Aureli:
Die Reduktion ist die Wiederentdeckung des Wesentlichen. Es geht in jedem Projekt darum, zunächst das Wesentliche ins Auge zu fassen. Ein Entwurf, ein Design, beinhaltet immer auch Subtraktion, ein Weglassen alles Überflüssigen, auch wenn man die Reduktion auf den ersten Blick nicht sieht. Im Fall des Hotels Gasthof Zum Hirschen am Nonsberg harmonierte meine Konzeption von schlichter Eleganz sogleich mit den Visionen der Bauherren. Dennoch erforderte dieser Umbau viel Zeit und Präzision im Detail. Im Grunde arbeite ich allerdings immer so.
Zum Zweiten, ein Projekt muss zwar das Wesentliche herausstellen, aber auch „raffiniert“ sein, d.h. eine schlichte Eleganz ausstrahlen und den Komfort von heute intergieren. Um dies zu erreichen, haben wir uns auf die ruhige, friedliche Aura dieses Ortes und die Qualität der regionalen, traditionellen Materialien konzentriert.

Wie wichtig war Ihnen die Verflechtung des historischen Hauses mit der Umgebung?
Lorenzo Aureli:
Dieses Projekt begann von innen heraus, von der Neugestaltung der Innenräume, und trat dann nach draußen. Die Fassaden sollten in Verbindung und Harmonie zur umgebenden Landschaft neu gestaltet werden. Die Aufgabe bestand letztlich darin, eine einfache und doch anspruchsvolle Vorgabe umzusetzen. Ein Projekt muss stets auf die Bedürfnisse und Wünsche des Auftraggebers eingehen, sich zugleich aber auch in den Ort einfügen. Es muss mit dem Kontext in Beziehung gesetzt werden, sich von der Umgebung abheben und doch mit ihr harmonieren. Darum griffen wir auf lokale Materialien zurück; und – wenn möglich – auf Handwerker und Arbeitskräfte vor Ort, denn sie kennen sich am besten mit den heimischen Materialien und Bautraditionen aus.
Im Falle der Überdachung haben wir zum Beispiel verschiedene Techniken angewandt: Wir haben ein traditionelles Dach für die Herberge, aber ein zeitgenössisches für den renovierten Trakt der 1980er Jahre gewählt. Beide Dächer harmonieren aber untereinander. Wir können hier also von zeitgenössischen Techniken und Raumgestaltungen und sprechen, aber auch von traditionellen Materialien und althergebrachten Techniken. Wir haben auf diese zurückgegriffen, insofern sie hier traditionell verwendet werden und nach wie vor verfügbar sind. So wurden beispielsweise im Zuge des Umbaus regionaltypische Gesteinssorten verwendet, die jedoch zeitgenössisch offen verlegt wurden.